(....)
leicht wie Schwäne-da die Leinen lösen,
- jetzt im Abendgoldland, Zaubersilber, letzten Licht -
spürst Du diesen einen Schwung der Musen,
- diesen magisch-merveilleusen
der Dich mitnimmt, fortträgt,
-mitten raus aus dem Gedicht . . . .
Jan Johan van Velde
ein basar in der Vorweihnachtszeit - und kann mich nicht austauschen mit ach all jenen, die da waren, und wie
schöne, die Sachen die Kuchen der Thee -
und ich habe keine Gelder, und waren Bücher, und
Gestricktes Genähtes, wie schöne -
und kann mich nicht austauschen mit jenen, und ist Heimat, auch, jener soziologischer Raum: wie fremd
ich war, mit jenen Menschen, in einem Raum, den
ich mir als: den meinen, auch, sage -
Jan Johan van Velde
27. November 2010
von Tag zu Tag, ein Sein finden in einem neuen Tag -
und nicht, ein Sein finden, in dieser Gesellschaft -
Jan Johan van Velde
27. November 2010
und gehe in die Stadt, und gehe, gehe -
und habe ein Pfund Roggenbrot, 1.48 Taler, und das habe ich
gegessen, dann. 500 g Roggenbrot, 1000 kcal, und jetzt,
und habe es gegessen, und habe: Hunger -
Jan Johan van Velde
27. November 2010
Arbeitslosengeld II, das sind Gelder, die zum Bettler machen - und nicht, Gelder, die aufnehmen in die Mitte der Gesellschaft.
Arbeitslosengeld II, das ist: ein Almosen. Ein Almosen in des Wortes Bedeutung, das den Armen zeichnet, bloßstellt, ihn öffentlich zur Schau stellt und: ihm nicht hilft.
Ein Almosen nur, das ein eigenes selbstbestimmtes Leben nicht möglich macht, das eine Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft nicht möglich macht.
Arbeitslosengeld II, das ist ein Geben, das im Geben Abwehr ist mag sein, Zurückweisung vielleicht.
Arbeitslosengeld II, das ist, und ich schreibe, zu fragen, sagen Sie, Leserin, was meinen Sie, ich schreibe und frage:
Arbeitslosengeld II, das ist: Gewalt gegen Menschen.
Arbeitslosengeld II, das ist mit Genauigkeit aber: Fremdheit im eigenen Land, das ist: eine Ausbürgerung.
Arbeitslosengeld II, das ist mit Genauigkeit aber: die öffentliche Herstellung eines zweiten gesellschaftlichen Raumes, der sagt: ein Raum draußen, und: diese Menschen gehören nicht zu uns.
345 Taler für dreißig Tage.
Strom, Wasser, Telephon. Bleiben 280 Taler für dreißig Tage.
Lebensmittel, Haushalt, bleiben: 0 Taler für dreißig Tage.
van Velde schrieb am Sonntag, 25. Dezember 2005
verändert und neu veröffentlicht am 27. November 2010;
verändert und neu veröffentlicht am 28. November 2010
Jan Johan van Velde
345 Taler
.
Verwundung Verletzung Grenzung Auslöschung,
gesellschaftlich sanktionierte Vernichtung von Leben, jeden Tag neu - Auslöschung und Auslöschung und Auslöschung und Auslöschung -
345 Taler
Strom, Wasser
Telephon
bleiben, 280 Taler
bleiben,
9 Taler am Tag
Essen,
etwa sieben Taler
bleiben,
2 Taler am Tag
ein Milchcafe, 3.50 Taler
die Schuhe besohlen, 20 Taler
die Süddeutsche Zeitung, 1.50 Taler
1 Hemd, 25 Taler
eine Konzertkarte, 16 Taler
eine Straßenbahnfahrkarte, 1.55 Taler
Bücher, Bücher, zwanzig dreißig Taler
geschrieben 21. Dezember 2010,
verändert, neu veröffentlicht am
27. November 2010
Jan Johan van Velde
Hunger
.
Hunger
Ich will leben. Ich will leben. Doch die Gelder, die sie haben für mich, sagen mir just jenes, sind ein unverhülltes Auslöschen, sagen mir: Sie leben unter diesen Bedingungen, die wir Ihnen sagen. Schon beim Essen, eine unglaubliche Verachtung, die einem entgegenschlägt. Und jeden Tag neu, dieses: Sie müssen sich ernähren wie wir wollen, und wir sagen Ihnen: Sie müssen sich anders ernähren als wir, die wir Geld haben und Arbeit, wir weisen Ihnen die Orte zu, die Tröge: Sie gehen zum Discounter. Für uns haben wir andere Orte.
Was auffällt: ich kann kaum variieren, mich nicht abwechslungsreich und gesund ernähren. Einkaufen, das ist ein Standardprogramm, Eiweiß und Vitamine, Ballaststoffe: und ist nicht ein: was esse ich heute, was koche ich heute. Die Nahrungsmittel sind vom Discounter und haben keine hohe Qualität.
Wie viele Joule für einen Taler, wie werde ich satt: und nicht nur so etwa. Auch, zwei Äpfel am Tag, das ist fast zu teuer für mich. Jeden Tag ein schauen, überlegen, rechnen, jeden Tag an der Grenze: was essen, was trinken, wie: überleben.
Und immer, dieser Hunger nach frischen Kräutern, nach Gemüsen, Früchten. Dieser Hunger nach komplexen Geschmackserlebnissen, nach einem essen in Würde. Dieser Hunger nach vernünftigem gesunden essen: und ist essen nicht, das ich habe, in diesen Jahren – der Duft von Pizza, Sellerie mit saurer Sahne und Pfeffer, Spinat Salat mit einer Sauce aus Olivenöl und Zitrone: nicht zu realisieren unter den Bedingungen des Tages.
Olivenöl, zwei Taler 5 Groschen:
unerschwinglich.
Pfefferkörner, 1 Taler 8 Groschen:
unerschwinglich
Hunger. Jeden Tag an dieser Grenze: Hunger. Essen, um nicht zu sterben, und sind Farben nicht, ist Duft nicht, ist ein: Freuen nicht, da ich esse –
1000 ml Milch
200g Hüttenkäse
250 g Quark
300 g Gemüse
125 g Camembert, und ist bitterste Industrieware,
250 g Roggenbrot
Multivitaminsaft, 200 ml
1 Apfel
Tee
zusammen,
4 Taler, 5 Groschen
van Velde, Dienstag 3. Januar 2005
neu veröffentlicht 27. November 2010
in der Unseld-Biographie von Michalzik, Blessing, München 2002 ein Hinweis auf einen Text Unselds in einem Heft der schweizer Zeitschrift Du, Oktober 1992 – und denken Sie nur, Senatorin, ich mag Johnson gerne lesen, und Leserin, Ingrid Babendererde, sein erster Roman, wie wunderbar: Leserin – und ich habe das Heft im Regal, Leserin, gehe die zwei drei Schritte hinüber – es sind jene Bezüge Zusammenhänge, die aus leben Leben machen, und weiß es verläßlich – ein Heft, 14 sfr damals, und kann mir heute: Zeitschriften nicht mehr kaufen, falle heraus aus dem gesellschaftlichen Diskurs, falle heraus aus der Zeit, ausgelöscht: ich, ausgelöscht -
Was meinen Sie, was ist das, ein Leben – und, was ist das, ein Leben entwerfen, ein Leben gestalten – wie wichtig es ist, sich für seine Biographie mit Dingen Bedeutungsfeldern zu umgeben, Bezüge in die Gesellschaft hinein aufzubauen: daß das leben Leben werde und glüke, gelinge – das eigene Sein mit Bedeutung versehen, und sich wiederfinden im Spiegel der Dinge, die einen umgeben, auch: eine Welt bauen, in der ein Leben Leben ist – und ist nur möglich mit Geldern – sich eine Welt gestalten, eine Welt schöpfern aus dem zivilisatorischen Reichtum, der einen umgibt: und ist nur möglich mit Geldern: Geldern – zugehörig sein, Teilhabe gewinnen mit dem Kennenlernen von Büchern, von Musik, von Städten und Landschaften, etwas eigenes sich entwerfen aus all dem zivilisatorischen Reichtum, mit dem die Gesellschaft mich, will sie: Gesellschaft sein: bekanntmachen m u ß -
und verweigert mir mein Leben, jene Gesellschaft, jene Gruppe, in der wir leben, alle, weist mich ab, verlacht mein Leben als: nicht dazugehörig, verlacht mein Leben als: belanglos für die Gruppe: zeichnet mich als: Fremden in der eigenen Stadt, wirft mich aus meiner Zeit heraus, jene Gruppe, in der ich doch lebte über viele viele Jahre, mein ganzes Leben lang lebte, jetzt: schließt: diese Gruppe mich: aus -
Sagen Sie, Leserin -
geschrieben am 31. März 2006
neu veröffentlicht am 27. November 2010
Jan Johan van Velde
ausgefroren im Cafe
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Sonntag, 18. Dezember 2005
Worte finden für das, was ist
sag Du mir Deine
zu Boden geschleudert, Du bist
ohn Athem
ich liege zerschmettert an dieser Mauer, ohn alle Hoffnung. Eine sichtbare Grenze, die sagt: Gefangenschaft -
warum weiterleben, und: wie weiterleben - schon das Schreibpapier, die Umschläge, Briefmarken: unerschwinglich.
Es weiß keiner. Was es wirklich bedeutet: 345 Taler. Und bedeutet: kein Gelt haben.
Ein gesellschaftlicher Raum, gewollt.
neu veröffentlicht, 27. November 2010
Jan Johan van Velde
Und weiß noch,
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und war sie, B. - und weiß noch, mein erster Soave - und bezauberten, wir, beide - ein hoher eigener Raum, das Licht die Farben - und weiß noch, mein erster Soave -
und war, einige Jahre von hier - und einige Stunden, in einem Cafe - und die Menschen, an den Nebentischen, und wir, auch - und ich, und comptoire, kann: meinen: Milchcafe: nicht bezahlen -
Freitag, 22. Dezember 2005; jetzt leicht verändert,
neu veröffentlicht am 27. November 2010
Jan Johan van Velde
Und ich spüre die Mauern.
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Ich gehe durch die Straßen der Stadt, die ich die meine nannte, vormals – und sind meine Zeichensysteme, meine Welten, und ich weiß: sie sind unerreichbar, jene Apotheken Buchhandlungen, Läden Bäckereien, jene Cafes, unerreichbar, die Museen. Und ich gehe, in meinen Schuhen, die mich kenntlich machen als: Außenseiter, und ich gehe, gehe. Und ich habe kein Geld. Und ich spüre die Mauern.
geschrieben am 1. Februar 2006
neu veröffentlicht am 27. November 2010
Jan Johan van Velde
Dieser da!
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Und sind Blicke, auch, die mir gelten, die mich treffen wollen, auch, und die sagen: Dieser da! nein, der gehört nicht zu uns! Und ich gehe, weiter, gehe weiter, und ich habe kein Geld.
geschrieben am 6. Februar 2006
neu veröffentlicht am 27. November 2010
Jan Johan van Velde
Sie dürfen leben, van Velde – sie dürfen leben, aber zu unseren Bedingungen . . .
Jene Almosen, das ist, immer, ein unausgesprochenes: Wir lassen Sie leben – aber zu unseren Bedingungen. Sie werden nicht verhungern, van Velde, aber das weitere bestimmen wir eben auch. So etwa, so empfinde ich das Handeln der Gesellschaft, die die meine war, an mir. Wir lassen Sie leben – aber zu unseren Bedingungen.
Dies das, was jene 345 Taler sagen, die sie mir geben zum: leben, und jene 300 Taler, die sie mir für ein Zimmer geben, und sie grenzen mich, zeichnen mich, mit jenen Almosen, machen mich allen Bürgern dieser Stadt kenntlich: dieser da, der nicht mit uns wohnt, nicht mit uns lebt: der, van Velde, der gehört nicht zu uns!
geschrieben am 4. Februar 2006
neu veröffentlicht am 27. November 2010
Jan Johan van Velde
Bürgerin, Bürger
'
Ist der noch Bürger, der sich nicht kleiden darf, ist der noch Bürger, der Gemüse und Obst nur sehr eingeschränkt kaufen darf, ist der noch Bürger, der die Straßenbahn nicht benutzen: darf - dürfen, ja, denn: die Gelder, die sie geben, jenes: Arbeitslosengeld II, jene Gelder, und sind so wenige, daß Geld nicht bleibt, für die Straßenbahn -
geschrieben am Sonntag, 5. Februar 2010
neu veröffentlicht am 27. November 2010
Johan Jan van Velde
und ist leben: nicht -
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Ich muß jeden Tag um mein Ueberleben kämpfen, so knapp sind die Gelder. Etwas zum Anziehen haben, daß die Unterkleider nicht: zerrissen sind, und richtige ja richtige: Schuhe haben, und Kleider, die mir nicht frend sind, und zu essen den Thee, die Zeitungen –
Ich, ich lebe nicht mehr so wie die Menschen, mit denen ich aufwuchs. Meine Gedanken sind Tag um Tag beim: ueberleben, sind nicht: zu leben, diese Welt –
Und sie, die mir die Gelder geben, und sagen: eine Grenze – und sind die, die mir mein Leben nehmen, meine Vergangenheit, und meine Zukunft – die mir mein Leben entzweibrechen, alle Zusammenhänge auflösen –
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Jan Johan van Velde
geschrieben am 19. Februar 2006;
neu veröffentlicht am 27. November 2010
Unsicher um mich schauend -
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Unsicher um mich schauend am 2. Januar
Die Noth und das blanke Entsetzen begleiten mich, da ich gehe, in diesen trüben Nachmittag hinein. Ich gehe in Lumpen, und nur die Strümpfe und Unterkleider sind von mir ausgesucht, von mir: bezahlt –
Ich gehe in Lumpen, gehe in Kleidern, die andere trugen vor mir – das Hemd, der Pullover, die Hose. Der Mantel, den ich fand: in der Kleiderstube der Inneren Mission. Die Turnschuhe, die ich zwei Jahre von hier kaufte, für ein Dauerlaufen im Bürgerinnen Park, und comptoire, ich: kam nicht dazu. Und trage diese Schuhe auf, jetzt, und die Sohlen werden dünner und dünner: da ich gehe. Und ich gehe, weil ich nicht zu bezahlen vermag: eine Fahrt mit der Straßenbahn.
Ich gehe in Lumpen. Noth und blankes Entsetzen begleiten mich.
Unsicher um mich schauend –
ich vermag mich nicht zu schützen, nicht mit dem Arbeitslosengeld, das sie mir geben. Für Hustensaft, für Vitaminpräparate, für jenen wie wunderbaren Sanddorn Sirup aus dem Reformhaus: habe: ich: kein: Geld –
Was ist das, ein Schal. Was sind Stoffe, Farben. Was ist das, Duft, und was ist Klang, Klang. Einen Schal, ich vermag ihn nicht zu bezahlen. Und erinnere mich, an breite shawls aus weicher Wolle, die mich wärmten, da ich ging –
Unsicher um mich schauend –
ich vermag mich nicht zu schützen, eine Vorsorgeuntersuchung für meine Augen kostet 19 Taler, ich habe, wenn ich sehr genau achtgebe, etwa ein bis zwei Taler pro Tag für ein: aufzuheben –
Was ist das, ein Leben in Freiheit und Würde.
Ich, aber, gehe in Lumpen. Noth und blankes Entsetzen begleiten mich.
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Jan Johan van Velde
geschrieben am 2. Januar 2006
rauhreif
wie schön, dieser Morgen, trotz der Kälte - und war ein Reif gefallen, den Bäumen den Wiesen - die Ruhe die Stille,
ein mählich heller werdendes Licht -
und ich, sagen wir: habe meine Lieder nicht, die sagen:
und ist ein Reif gefallen -
Jan Johan van Velde
27. November 2010